Die Bezeichnung „Vielfältige Demokratie“ beschreibt das Konzept einer auf drei Säulen (direktdemokratisch, repräsentativ, dialogisch) und deren Wechselwirkung basierenden demokratischen Gesellschaft.
Das demokratische System in Deutschland wird längst nicht mehr ausschließlich durch repräsentative Entscheidungswege geprägt. Ergänzend zu Wahlen und parlamentarischen Verfahren gewinnen direktdemokratische Instrumente sowie dialogorientierte und partizipative Beteiligungsformen an Bedeutung. Dadurch wandelt sich das klassische Modell der repräsentativen Demokratie zunehmend zu einer Demokratie, in der unterschiedliche Formen politischer Mitwirkung nebeneinanderstehen.
Viele Bürgerinnen und Bürger erwarten heute, bei wichtigen politischen Fragen stärker einbezogen zu werden. Sie möchten in bestimmten Fällen unmittelbar mitentscheiden können. Zugleich wünschen sie sich Möglichkeiten, ihre Sichtweisen einzubringen, auch wenn die abschließende Entscheidung weiterhin von gewählten politischen Gremien getroffen wird. Die Beteiligung an Wahlen allein erfüllt diese Erwartungen für viele Menschen nicht mehr. Neben den etablierten repräsentativen Strukturen haben deshalb direktdemokratische und deliberative Verfahren sowohl für die Bevölkerung als auch für politische Verantwortungsträger erheblich an Bedeutung gewonnen.
Wie stark dieser Wunsch nach Beteiligung ausgeprägt ist, zeigen Ergebnisse einer Untersuchung der Bertelsmann Stiftung. Demnach betrachten 76 Prozent der Menschen in Deutschland die Möglichkeit als besonders wichtig, sich an politischen Diskussionen zu beteiligen und ihre Position einzubringen, bevor gewählte Repräsentantinnen und Repräsentanten eine Entscheidung treffen. 69 Prozent sprechen sich zudem dafür aus, dass die Bevölkerung bei bedeutenden politischen Fragen unmittelbar entscheiden können sollte. Verfahren, die Mitsprache oder direkte Mitentscheidung ermöglichen, entsprechen damit den Vorstellungen einer deutlichen Mehrheit. Sie sind für viele Menschen inzwischen ein selbstverständlicher Bestandteil demokratischer Willensbildung.
Bei der Frage, wie das politische System künftig ausgestaltet sein sollte, zeigen sich allerdings Unterschiede zwischen Bevölkerung und politischen Mandatsträgern. Während viele Bürgerinnen und Bürger Beteiligungsformen bevorzugen, die über klassische repräsentative Verfahren hinausgehen, orientieren sich gewählte Politikerinnen und Politiker weiterhin stärker am bestehenden Repräsentationsmodell.
Diese unterschiedliche Haltung wird auch beim Verständnis des politischen Mandats sichtbar. Gewählte Vertreterinnen und Vertreter begreifen ihre Aufgabe häufiger als relativ eigenständigen Auftrag, der ihnen bei politischen Entscheidungen einen größeren Spielraum gegenüber konkreten Erwartungen aus der Bevölkerung lässt. Bürgerinnen und Bürger verbinden politische Repräsentation dagegen stärker mit der Vorstellung, dass ihre Interessen und Positionen unmittelbar berücksichtigt werden.
Am deutlichsten tritt diese Differenz bei direktdemokratischen Entscheidungen hervor. In der Bevölkerung besteht eine klare Präferenz dafür, wichtige politische Fragen häufiger unmittelbar entscheiden zu können. Unter politischen Mandatsträgerinnen und Mandatsträgern findet diese Vorstellung dagegen bislang keine mehrheitliche Zustimmung.