Das Konzept des demokratischen Kreisels (nach Sommer) erklärt den Zusammenhang von demokratischer Selbstwirksamkeitserfahrung und demokratischer Einstellung.
Wir wissen heute sehr genau, dass frühe Selbstwirksamkeitserfahrung oft lebenslange demokratische Wirksamkeit triggert.
Erfahre ich Selbstwirksamkeit, erhöht dies tatsächlich meine Bereitschaft, mich auch in anderen Zusammenhängen auf Diskurse, Dialoge und demokratische Prozesse einzulassen. Lasse ich mich darauf ein, steigere ich meine Diskurskompetenz. Und die ist eben nicht nur Rhetorik, sondern auch Zuhören können, Eingehen auf die Interessen anderer, Wertschätzung auszudrücken und mit Kritik umzugehen.
Erst diese Diskurskompetenzen ermöglichen mir, auch eine der wesentlichen Kompetenzen in einer Demokratie zu entwickeln: Verlieren zu können.
Es auszuhalten, wenn ich nicht in der Mehrheit bin. Ergebnisse zu akzeptieren, die mir nicht gefallen – und demokratische Wege zu bestreiten, um weiter für meine Ziele einzutreten.
Je besser ich das beherrsche, je ausgeprägter meine Demokratiekompetenz, desto größer ist eine Chance auf weitere Selbstwirksamkeitserfahrung. Für mich, aber auch für Menschen in meinem Umfeld.
Betrachten wir diese demokratische Spirale, sehen wir eine Menge Herausforderungen aber auch Chancen, um positive Impulse zu setzen. Tatsächlich könnte man an jedem dieser zentralen Faktoren ansetzen. Mehr Selbstwirksamkeitserfahrungen sind gut. Mehr Diskursbereitschaft sinnvoll. Mehr Diskurskompetenz förderlich. Mehr Demokratiekompetenz ganz wunderbar.
Es ist völlig in Ordnung, sich auf eines dieser Felder zu konzentrieren. Partielle Fokussierung ist gut, aber sie sollte immer den ganzen Kreisel im Blick haben. Selbstwirksamkeit alleine kann auch Arroganz statt Diskursbereitschaft generieren. Wenn diese Selbstwirksamkeit nicht in partizipativen Strukturen erlebt wird, sondern auf Einkommen, Bildung, Einfluss zum Beispiel der Eltern beruht. Oder anderen Privilegien.
Englische, aber auch deutsche Privatschulen kassieren Zigtausende Euro Schulgebühren von den Eltern ihrer Zöglinge und produzieren am Fließband selbstwirksame Menschen, aber erstaunlich wenige Demokraten.
Gleiches gilt für die Diskurskompetenz. Rednerclubs sind an amerikanischen Highschools Standard. Besonders beliebt: Rednerduelle, bei denen die Teilnehmenden erst Minuten vor dem Beginn ihre Positionierung zu einem Thema per Los zugeteilt bekommen. Das produziert kompetente Diskutanten. Ob es auch glühende Demokraten produziert, bleibt offen.
Alle vier Felder sollten wir Demokraten also im Kopf haben, wenn wir Demokratie stärken wollen, indem wir Demokraten entstehen lassen.
Und tatsächlich führt uns das dazu, dass wir hier nicht vier Handlungsfelder sehen, sondern mehr. Denn es sind eben auch die Verbindungen zwischen diesen Feldern, die unserer besonderen Fürsorge bedürfen. Wenn aus Selbstwirksamkeit Diskursbereitschaft entstehen soll, dann muss diese Selbstwirksamkeit auch diskursbasiert zustande kommen (und nicht durch Sekundenkleber, durch das Anzünden von Flüchtlingswohnheimen oder durch den elterlichen Geldbeutel). Wenn Diskursbereitschaft zu Diskurskompetenz führen soll, muss es Angebote dazu geben. Durch attraktive Beteiligungsofferten, aktivierende Formate, reflektierende Prozesse, qualifizierende Moderation.
Wenn Diskurs- in Demokratiekompetenz münden soll, dann braucht es Prozesse, in denen Diskurse ergebnisbestimmend sind, viele Chancen zum „Gewinnen“ und „Verlieren“ auch in kleinen Themen gegeben sind, Rückschritte nicht als Problem und wechselnde Mehrheiten als erstrebenswert definiert sind.
Link zum ePaper mit dem Konzept des Demokratischen Kreisels.